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Hast Du mal ne Kippe?

April 17th, 2008 | Kommentare deaktiviert | Posted in Allgemein

Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit – mittlerweile weiß ich, was genau mir dieser typische Warnhinweis einer Zugarettenschachtel eigentlich sagen will… nicht, dass Rauchen an sich schädlich ist, sondern eher die sozialen Randbedingungen davon. Aber, lasst uns von Anfang an erzählen.

Die folgenden Geschehnisse passieren in der Nacht zum 30.03.2008. Ort der Handlung ist Hamburg.

Fischmarkt, 20:00 Uhr

Zusammen mit ein paar Freunden und in Begleitung von Julia W. und Tanja H. betritt Heinz A. (Namen von der Redaktion geändert) den Ballroom. Man feiert ausgelassen die Release Party der neuen Schandmaul CD. Alles ist gut, Heinz A. gewinnt im Verlauf des Abends sogar ein Poster.

Fischmarkt, 05:00 Uhr

Heinz A. verlässt zusammen mit Julia W. und Tanja H. den Ballroom, um sich auf den Heimweg zu machen. Es wird, dank der soeben passierten Sommerzeit-Umstellung, langsam wieder hell. Man unterhält sich noch darüber, ob der Fischmarkt bereits offen hat oder ob die Aussteller nur etwas zu früh mit dem Aufbau begonnen haben, und begibt s ich zur Bushaltestelle. Von dort aus, da der direkte Anschluss zu lange gedauert hätte, begibt man sich zur S-Bahn, um zu Tanja H. zu gelangen, da man dort gemeinsam übernachten wollte.

S-Bahnhof Tiefstack, 06:20 Uhr

An der Haltestelle angekommen, fallen zwischen den ebenfalls aussteigenden Fahrgästen zwei Jugendliche auf, die sich relativ lautstark – da vermutlich stark angetrunken – miteinander unterhielten. Heinz A. geht mit seiner Begleitung ebenfalls in Richtung Ausgang, aber bewusst etwas gemütlicher. Am Ende der Unterführung, welche von der S-Bahn Haltestelle unter den Gleisen hindurch zur Hauptstraße führt, überholt man besagte Jugendliche, da einer von diesen gerade mit der Verrichtung einer vermutlich durch Bier herbeigeführten Notdurft beschäftigt war. Heinz zündet sich seine letzte Zigarette an und steckt die leere Schachtel in die Jackentasche, da gerade kein Mülleimer in Reichweite war.

Rothenburgsort, ca. 06:30 – 06:40 Uhr

Ein paar Minuten nach dem Anzünden der Zigarette dringen laute Stimmen von hinterrücks an ihre Ohren. Die Gruppe wird von besagten Jugendlichen auf Distanz angepöbelt mit diversen Sprüchen der Art “Ey Du da, hast Du mal ne Kippe?”. Erste Reaktion von Heinz: Nein, das war meine Letzte. Die Pöbelei geht weiter, unter anderem mit Sätzen, die ausdrücken sollen, dass dieser Aussage kein Glauben geschenkt wird. Nach einigen Minuten weiterer Pöbelei wirft Heinz, ohne sich umzudrehen, die leere Schachtel hinter sich, so dass diese sie sehen und Ruhe geben. Leider auch Fehlanzeige. Die Pöbelei ging nun in die Richtung, dass man glauben würde, Heinz A. hätte die Zigaretten vorher aus der Schachtel genommen, um keine abgeben zu müssen. Die Gruppe versucht weiterhin, die pöbelnden Jugendlichen zu ignorieren und geht ihren Weg weiter, auch als sich die Zigaretten-Schnorrerei gegen die beiden Damen richtete, die übrigens beide Nichtraucher sind.

Rothenburgsort, ca. 06:45 Uhr

Es wurde still hinter der Gruppe. Oder zumindest dachte man es. Man unterhielt sich weiter miteinander und hatte das Gefühl, das Ignorieren der pöbelnden Jugend hätte gefruchtet. Da kippt Heinz A. plötzlich ohne Vorwarnung nach vorne um und knallt ungebremst mit dem Gesicht auf die Straße. Einer der beiden Jugendlichen hat sich offensichtlich mit einem großen Granit-Pflasterstein angeschlichen und Heinz A. mit diesem durch einen gezielten Schlag in den Nacken außer Gefecht gesetzt. Heinz A. bleibt auf der Straße regungslos liegen, während der Täter noch nachzutreten versucht, aber glücklicherweise von den beiden Begleitungen weggezerrt wird, bis der zweite Jugendliche nachgelaufen kommt und mit dem Täter weg rennt. Beide verschwinden in Rothenburgsort in einer Seitenstraße.

Rothenburgsort, ca. 06:50 Uhr

Julia W. ruft geistesgegenwärtig den Notarzt an. Der blutverschmierte und benommene Heinz A. wird vom Rettungswagen ins Krankenhaus geschafft, vom Arzt wieder zusammengenäht, untersucht und nach Hause geschickt. Es ist Sonntag, 09:30 Uhr, und der Tag ist im Eimer.

Hohenfelde, ca. 09:30 Uhr

Heinz A. wurde soeben vom Arzt entlassen mit einem Rezept für Antibiotika und Schmerzmittel. An einem Sonntag. Netterweise wurde wenigstens noch eine Apotheke in der Nähe genannt, welche an diesem Tag Notdienst haben soll.
Julia W. bietet an, die Medikamente in der genannten Apotheke zu holen, während Tanja H. Heinz A. mit dem Taxi nach Hause bringt. Keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass dies noch eine weitere Krönung des Tages werden würde. Während nun Tanja und Heinz zuhause sind, steht Julia bei der Apotheke und stellt fest, dass die Medikamente wesentlich mehr kosten, als sie an Bargeld dabei hatte, und da sie bei Partygängen normalerweise keine EC-Karte mitführt, fiel diese Option also ebenfalls aus. Also kontaktierte sie Tanja, welche dann mit ihrer EC-Karte im Gepäck wieder durch die Stadt zu genannter Apotheke fuhr, um dort die Arznei zu bezahlen.
Als besonders große Lachnummer stellte sich die dort befindliche Apothekerin heraus, welche hinter ihrem gesicherten Nachtschalter stand und beim Beginn des Zahlungsvorgangs doch tatsächlich mit Stift und Zettel ankam und die folgenden Worte verlauten ließ: “Schreiben Sie mal bitte ihre Geheimzahl auf, damit ich die Bezahlung durchführen kann.”. Eine derartige Naivität hätten die erstaunten Damen vor der Tür nie im Leben im Körper einer Apothekerin erwartet.
Wie dem auch sei, nach dem folgenden Lachanfall ging Tanja H. dann zu einem Geldautomaten um die Rechnung in Bar zu bezahlen, auch wenn die Apothekerin völlig verständnislos dastand und nicht kapierte, warum sie denn nun nicht ihre Geheimzahl aufschreiben wollte, damit sie nach hinten zur Theke gehen und die EC-Zahlung durchführen könne.

Ergebnis des Wochenendes: Rissplatzwunden in Nacken, Gesicht und auf dem Nasenrücken, Gehirnerschütterung, Schleudertrauma, zwei Wochen Krankenschein, eine Woche Antibiotika, zwei Wochen Schmerzmittel und eine Strafanzeige wegen schwerer Körperverletzung, die allerdings zum Scheitern verurteilt ist, weil nach offizieller Aussage der Deutschen Bahn – ihres Zeichens Betreiber der Hamburger S-Bahnen – an der Haltestelle Tiefstack und in der dort verkehrenden S-Bahn “zur Zeit keine Videoüberwachung aktiviert ist”. Soviel also zu dem Werbespruch “Zu Ihrer Sicherheit wird diese Haltestelle von uns videoüberwacht“.

Ach ja, bevor wilde Vermutungen angestellt werden: Nein, die Beiden waren mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine “Deutschen mit Migrationshintergrund”, sondern Deutsche. Ich weiß, dass bei unseren ausländischen Mitbürgern durchaus Minderheiten mit erhöhtem Agressionspotential existieren, aber soweit ich weiß, kämen diese nicht auf die Idee, einen Anderen feige von hinterrücks zusammenzuschlagen.

Und: Mein Schandmaul Poster ist blutverschmiert. Die Säcke!

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